Psyche spielt verrückt!!! Wie kann ich helfen?

erste Fragen, Diskussionen von Mensch zu Mensch, Hilfegesuche, alles, das nicht in andere Kategorien paßt
Forumsregeln
Bitte lest und beachtet die FORUMSREGELN! - Zum Posten müsst Ihr registriert sein. Zudem gilt: Bitte im Zweifelsfall immer Euren ARZT konsultieren!
mutzi

Psyche spielt verrückt!!! Wie kann ich helfen?

Beitragvon mutzi » 27.08.2007, 20:28

Hallo!

Ich habe ein paar Fragen an betroffene oder deren Partner.

Mein Freund hatte anfang des Jahres Hodenkrebs, nach der Operation kam noch die Bestrahlung. Es war eine harte Zeit, aber er hat versucht es locker zu nehmen. Wir haben alles gut durchgestanden!!!
Jetzt kommt alles raus, er stellt auf einmal sein ganzes Leben in Frage. Ob er den richtigen Job hat, ob unsere Beziehung richtig ist, ob er die richtigen Freunde hat. einfach alles. Er ist ein anderer Mensch geworden.
Jetzt ist er ausgezogen, nach neun Jahren Beziehung, sagt aber er will das nicht, hat aber das Gefühl es tun zu müssen. Es ist alles sehr verwirrend.

Hat jemand ähnliche Erfahrungen, oder kann mir etwas raten? Ich weiß nicht mehr wirklich weiter...

Es wäre sehr nett wenn ihr mir helfen könnt!!!

Danke

clara

Beitragvon clara » 28.08.2007, 10:32

oje, du arme!
von allen hört man immer, dass so eine krankheit einen erst richtig zusammen schweißt und sowas. das ist sicher auch so, aber manchmal strapaziert es die beziehung schon extrem. ich glaube, deinf reund wird ganz schnell merken, was er an dir hat. vielleicht musst du ihm einfach wirklich die zeit und das vertrauen schenken. ich weiss, dass das ganz furchtbar schlimm ist, sicher brauchst du nach all der zeit auch jemand zu anlehnen. mein freund hat selbst krebs, vor ein paar woche gab man ihm nur noch 6 monate, nun hat sich aber die diagnose doch wieder geändert und es bestehtn wieder chance auf heilung. als die nachricht damals kam, war das so furchtbar, wir waren wie gelähmt und haben uns nur noch gestritten, weil keiner mehr kraft hatte. im nach hinein meint er, es sei ein richtiges trauma gewesen, was heute noch nachhängt. vielleicht ist es bei deinem freund ähnlich, das gefühl die krankheit durchgestanden zu haben und die angst, dass sie wieder kommen kann, veranlasst ihn zu denken, er müsse sein ganzen leben ändern?!

andrea-hamburg

Beitragvon andrea-hamburg » 02.09.2007, 21:29

hallo clara,

vor ca. 10 monaten hab ich das gleiche erlebt wie du, nach der diagnose und der behandlung danach hat meine ehemann günther mich nach 12 jahren ehe verlassen und kurz darauf die scheidung eingereicht.kann es bis heute nicht verstehen, weil ich an seiner seite war, als es ihm schlecht ging.ich hab seine hand in der schweren stunde gehalten, ihn überall hin begleitet, war immer für ihn da.nun hat er mich abgelegt, er hat vieles geändert, sagt es diene seiner gesundung alles in seinem leben verändert zu haben,alles überdacht zu haben.
seinen job hat er beibehalten, ansonsten aber vieles verändert. nun ist er mit einer anderen frau zusammen. ich habe auch versucht ihm weiterhin zur seite zu stehen, aber geholfen hat es weder ihm noch mir. ich geh am stock, vor lauter denken an ihn, und dem blöden gefühl nur jemand in einer schweren stunde gewesen zu sein, der ihn pflegt, der sich kümmert, der den laden (hatten großes haus , mit garten, 2 hunde, gemeinsamer freundeskreis)am laufen hielt.
ich hab in der zeit, nach der trennung gemerkt, das ich nur gelitten habe, und gelernt, es ist zeit an mich zu denken, das kann ich dir, clara auch nur empfehlen.sonst stehst du da, mit dem willen zu helfen und mit dem gefühl vor geschlossenen türen zu rennen.der zug ist längst abgefahren , ohne dich, lass ihn sein leben neuordnen!ich weiß, wie weh das tut, glaub mir, mir laufen die tränen übers gesicht beim schreiben...aber du kannst ihn nicht halten, enk an dich.....
ich liebe günther immer noch, kann aber nun von ihm lassen, das trennungsjahr ist um, er hat ein neues leben, ich nun eine 2 zimmer -wohnung und bin dabei, MEIN leben neu zu ordnen.
es wird ne schwere zeit, aber du musst seinen wunsch wohl oder übel akzeptieren.[code][/code]

Benutzeravatar
HT-Patient1989
Beiträge: 84
Registriert: 03.11.2007, 08:54
Wohnort: ehemals an der A23 - bei HH ... jetzt an der A5 und A6 bei HD

Beitragvon HT-Patient1989 » 14.11.2007, 05:21

@andrea-HH
@clara
@mutzi


Hey ...

es berühert mich sehr, was ich da lese .... und gleichzeitig empfinde ich es als SEHR STARK von Euch ...

In der Tat habe auch ICH solch Phase durchlaufen - na, eigentlich durchlaufe ich diese noch immer > siehe auch: http://www.forum-hodenkrebs.de/viewtopic.php?t=1302 < ...

Ob es ein "Leben in Frage stellen" ist ... weiß ich nicht. Dennoch stehe ich seit 1989 anders meinem Leben - und was ICH daraus mache - gegenüber.

Ich suche die SCHÖNEN MOMENTE in meinem Leben .... nicht zwanghaft ... eher locker und ausgeglichen ... und genieße sie ... speicher diese ab ... rufe diese ggf. mal wieder auf .... und pflege damit ein wenig meine gepeinigte Seele ....

JA, ganz deutlich - ICH stand mehrmals an dem Punkt, alles hinzuschmeißen ... Job, Ehe, Verantwortung usw. ....
Jedes Mal stand meine Frau an meiner Seite und warb erneut um mich ... bemühte sich, als wären wir frisch verliebt ... es (SIE) überzeugte mich.

ICH suchte Menschen ... welche mich besser verstehen ... weil ich mich auch mit Hilfe der psychologischen Unterstützung weiterentwickelte ... und feststellte, ZUHÖREN und VERSTEHEN fällt meinem Umfeld schwer ...

Also fand ich auch Menschen, welche seelisch besser paßten ... und sie sind vorzugsweise (warum auch immer ???) weiblich ....

KEINE von denen habe ich meine Lebensgeschichte aufs Auge gedrückt ... erst später im Verlauf intensiverer Gespräche und Austausch ... und mittlerweile haben sich daraus feste Freundschaften entwickelt - auf BREITER Linie - nicht nur wegen Krebs ....

JA, ich bin noch verheiratet und stehe zu meiner FAM. (sie auch zu mir) ... wenn es auch ab und an ZERRT an mir ... in die Welt hinaus zu gehen ... so nehme ich mir ab und an die Zeit und BRECHE AUS ... ein WE oder etwas mehr ....


Es ist ein Gefühl ... WARUM und WIESO ... kann ich leider auch nicht erklären ... denke, es hat stark mit der Einstellung und Psyche zu tun.


Ich darf dabei noch erwähnen, dass die Frau an meiner Seite (mittlerweile seit Sep. 1987) selber Veränderungen an SICH und unserer Beziehung vorgenommen hat ... Sie hört besser zu ... schenkt mir Freiheiten ... geht besser auf mich ein ... verändert ab und an etwas, damit es lebendig bleibt ... auch unser sexuelles Verhalten hat sich geändert ...

Ich respektiere diese Leistung und Arbeit ... welch Stärke.

Natürlich sind nicht alle Veränderungen NUR von ihr ausgegangen ... ich habe auch daran mitgewirkt und welche vorgenommen ... keine Einseitigkeit also.


UND ... sie wird wiederkommen :( ... die Zeit, wo der Drang größer wird ... ICH habe gelernt, darüber zu reden ... wir BEIDE haben gelernt darüber zu reden ... und mein Freundeskreis hat sich erweitert ...

Ich kann mir gut vorstellen, dass es für einen NICHTbetroffenen nicht nachzuvollziehen ist, was da in uns abgeht ... und vor allem WARUM ....

Euch einmal lieb umärmelt und gedrückt ...
Lieben Gruß ...
Stefan - HP
> htpatient(at)web.de <

>> Mein Leben ist die FREIHEIT - ich will die Welt erLEBEN <<

gast

beitrag

Beitragvon gast » 30.05.2008, 10:47

Ich hatte selbst Hodenkrebs, und keine einige wenige Fälle in meinem erweiterten Bekanntenkreis. Immer wieder hört man, dass Menschen nach dieser Erkrankung vieles in Frage stellen, und z.T. auch ihr leben umstellen. Für Außenstehende kann das evtl. schwer zu verstehen sein. Aber ungeachtet der Tatsache, dass man vielleicht seit langem mit einem partner ist, kann es sein dass jemand der diese krankheit überstanden hat auch die partnerschaft in frage stellt, und auf einmal dinge beleuchtet, die er davor einfach als gegeben hingenommen hat.

Ich kann das nachvollziehen, weil wenn einem diese krankheit etwas wirklich zeigt, ist es, dass das leben endlich ist. und diese einsicht lässt einem vieles was einem zuvor evtl wichtig war evtl unwichtig erscheinen, und andere dinge auf einmal umso wichtiger (z.B. selbstverwirklichung, das leben voll auszukosten, neue dinge zu probieren).

Benutzeravatar
HT-Patient1989
Beiträge: 84
Registriert: 03.11.2007, 08:54
Wohnort: ehemals an der A23 - bei HH ... jetzt an der A5 und A6 bei HD

Beitragvon HT-Patient1989 » 06.07.2008, 08:26

Hallo lieber GAST,

ich finde es immer Schade, wenn nicht mal ein Vorname hinterlassen wird und respektabel, wenn es doch welche tun.

Ich will sogar noch einen Schritt weiter gehen und nicht VORHER und NACHHER vergleichen:

WIR haben von Anfang an verlernt "richtig" zu Leben. Betrachten wir doch nur mal die Werte der Zeit .... Auto, Handy, Haus, 2x in Urlaub fliegen, Klamotten von ?? tragen, Hektik, Streß, Termindruck, usw. !
Da kommt dann etwas dazwischen, was uns aus der Bahn wirft ... UPPPPSSSSalla ... wat nu ??

Lebten wir unseren Tag intensiv und mit "erdlichen Werten" wie Respekt, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, taktvolle offene und direkte Kommu, aufeineinader zu gehen, den anderen ernst nehmen, sich mal in den Arm nehmen, eine Schulter geben/bekommen zum Ausweinen, zufrieden sein, usw. ... dann kann es gerne auch der LETZTE sein.

Ansonsten empfinden wir, etwas zu vermissen ... etwas verpaßt zu haben = UNZUFRIEDENHEIT !

ICH denke, DARAN erinnert es die meißten Betroffenen und deren Angehörige.


Wenn ich hier lese oder in meinen regelmäßig besuchten Hodentumorgruppen (bei der Nachsorge im BwK-HH) höre welche Dinge innerlich bewegen - erinnere ich mich zurück, wie ICH reagiert hatte. Auch ich glaubte an einen schnellen Ablauf und einer zügigen Aufnahme meines Jobs und Rückkehr in meinen "Alltag" ....
langsam erst, gewöhnte ich mich an ein anderes - schöneres Leben ....
Da waren Momente die ich erLEBTE in der Behandlungsphase, welche mir eine neue Sichtweise zum LEBEN eröffneten ... auch die unzähligen Versuche und Angebote der psychologischen Abteilung haben LANGFRISTIG (wenn auch nicht gleich vor Ort!) Wirkung gezeigt !

ICH DEPP habe vieles in den Wind geschlagen und versucht in "mein Raster" zurück zu finden ... weil, DAS kannte ich ... DAS Beherrschte ich ... DARIN wurde ich von anderen ("Deppen") bestätigt ... DAS gab mir meinen Lebensinhalt (so glaubte ich früher!!!) ... dann kam die Diagnose REZIDIV ....

Also, wurden die Karten NEU gemischt ... und NUN endlich begriff ich langsam ... dass es DURCHAUS wichtigeres gibt, als an Schule, Arbeit, Sport ... LEISUNGEN insgesamt (wie ANDERE sie wünschen) zu denken:
Es gab MICH !

Ich begriff, etwas sinnvolleres für MICH zu tun ... und so begann (verspätet) die Einsicht und die Arbeit an MIR !


Klar, das Umfeld wurde dabei/davon vor den Kopf gestoßen ... und einige wendeten sich auch ab ... andere blieben ... weitere kamen hinzu.

RICHTIG SO ... denn in der Not erkennt der Mensch seine WAHREN Freunde ... und die vermochten, mit dem was ich bin und leiste VOLL zufrieden zu sein.


JA, es ist kein Lichtschalter, welcher einfach umgelegt wird und schon ist alles anders ... bei weitem nicht ... dennoch, ist es vom Gefühl her schon sehr ähnlich, wenn es "klickt" ;-)

Und dann ... dann ist der WEG das Ziel :-)

Genieße jeden Tag so, als würde es Dein Letzter sein ... achte dabei die Würde und Gesetze der Anderen ... vormuliere Wünsche - anstatt Forderungen ... schenke und werde zurück beschenkt (nichts materielles!) ... stelle in Frage für DICH - und handel besonnen ... nehme die Menschen die Du liebst ernst und mit auf den Weg, lade sie zumindest dazu ein - SIE entscheiden dann, ob sie folgen wollen/können ....


In diesem Zusammenhang BEWUNDERE ich die Frau an meiner Seite ... sie ist trotz "stinkstiefeliger Arten" von mir an meiner Seite geblieben und hat JETZT vor kurzem erwähnt:
"Stefan, jetzt verstehe ich Dich besser!"

Dazu ist noch zu sagen, SIE hat sich in meine Psychotherapien eingebracht, selber daraus für sich eine bewirkt und konnte nun "gleichziehen" und verstehen und SELBER das Leben auf eine neue Art genießen.


Natürlich ist nicht immer alles rund und toll !!! ... wäre auch wunderlich ... dennoch gelingt es Tag für Tag besser ... und oft kommen sehr schöne Momente dabei raus, welche für jeden einzelnen und auch beide zusammen wertvoll und nachhaltig sind.


Kurz gesagt:
Nehmt bei Zeiten externe professionelle Hilfe an ... auch, wenn es nicht immer angenehm ist, was durchlaufen wird ... nutzt die Chance es zu FINDEN ... DICH selber zu finden.


In diesem Sinne wünsche ich Dir, lieber interessierter Leser / liebe interessierte Leserin einen schönen Tag ...
Lieben Gruß ...
Stefan - HP
> htpatient(at)web.de <

>> Mein Leben ist die FREIHEIT - ich will die Welt erLEBEN <<


Zurück zu „offene Diskussionen“



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast