Wie kann ich meinem Schatz jetzt helfen?

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Anna

Wie kann ich meinem Schatz jetzt helfen?

Beitragvon Anna » 06.10.2004, 20:39

Hallo an alle,
ich komme gleich mal zur Sache, denn momentan dreht sich alles in mir nur um ein Thema:
Mein Freund hatte gestern einen Termin beim Urologen. Naja, ist ja nix besonderes.... aber dann kam der Hammer: Sein Hoden zeigt nach der Ultraschall dunkle Flecken, die auf einen Tumor hindeuten. Auch im Bauchraum sind graue Flecken, die "im besten Fall nur eine Magengeschwür sind" (Zitat des Arztes).
Er hatte mit 13 schon eine Drehung oder so und ein Hoden ist bereits entfernt. Jetzt also noch der zweite. Ich will ihm so gerne beistehen, für ihn dasein, ihm Kraft geben. Bisher war er immer der Starke. Die Schulter zum Ausweinen. Ich will euch da nicht unser ganzes Leben erzählen, aber es lief in den letzten Jahren nicht besonders gut und deshalb bin ich ausgelaugt und weiss jetzt einfach nicht mehr weiter.
Am Montag muss er ins Krankenhaus. Am Dienstag ist dann die Op. Wie es dann weitergeht? Naja, erst mal abwarten.
Ich habe schlimme Angst ihn zu verlieren. Er selbst hat die ganze Situation glaube ich noch gar nicht richtig verstanden oder will es auch gar nicht verstehen. Ich möchte so gern stark für ihn sein und kann es doch nicht. Ich erwische mich immer wieder, wie ich heulend im Bad verschwinde. Was soll ich denn jetzt nur tun? Wie kann ich ihm nur helfen? Kann ich ihm überhaupt irgendwie helfen? Wie war das bei euch? Bitte bitte, ich bin total ratlos....
Danke schon mal - auch fürs Lesen und "Zuhören" - Anna

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Marcus Döring
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Beitragvon Marcus Döring » 07.10.2004, 11:03

Hallo Anna,

Anna hat geschrieben:Ich habe schlimme Angst ihn zu verlieren. Er selbst hat die ganze Situation glaube ich noch gar nicht richtig verstanden oder will es auch gar nicht verstehen. Ich möchte so gern stark für ihn sein und kann es doch nicht. Ich erwische mich immer wieder, wie ich heulend im Bad verschwinde. Was soll ich denn jetzt nur tun? Wie kann ich ihm nur helfen? Kann ich ihm überhaupt irgendwie helfen? Wie war das bei euch? Bitte bitte, ich bin total ratlos....


Puuh, schwere Zeit, die Ihr da ja wohl gerade durchmachen müßt.

Ich habe den Eindruck aus Deinen Worten, daß es eher über Euch hereinbricht und die Zeit noch gar nicht da war, sich darauf einzulassen.

So Situationen gab es bei meiner Frau und mir auch. Leider ja vor allem am Anfang meiner Erkrankung, als die Urologen sehr auf die Tube (besser: das Messer) gedrückt hatten und mich nachmittags operierten, nachdem morgens die Diagnose kam. Viel zu schnell für mich! Etwas, was ich heute nicht mehr so machen würde.

Verarbeitung? Daß ich nun Krebs habe, eine Krankheit, die vielleicht tötlich verlaufen kann? - Aber auch mit Hodenkrebs eine, die sehr gute Heilungschancen besitzt? - Die Beschäftigung, so würde ich sagen, dauert bei mir bis heute an. Akzeptanz? Vielleicht. Trauer? Ja, viel, jedoch eher vor dem Fund der Metastasen. Wut? Aber ja doch. Warum ich? Eigentlich am häufigsten. Wieoft habe ich in den Chemonächten wach gelegen und diese Frage zu beantworten versucht. Erfolglos jedoch - und mittlerweile auch zufrieden mit dieser Unmöglichkeit.

Hilfen? Für mich war immer wichtig, daß ich das Gefühl hatte, daß ich mindestens zwei Alternativen kannte und zwei Meinungen gehört hatte. So war ein Teil von mir noch dabei, wenn es um die Entscheidung des weiteren Vorgehens ging.

Es gab aber auch oft Zeiten, wieder hauptsächlich während der fünf Chemos, da war mir alles egal. Wollte ich absolut niemanden sehen. Ging ich auf keinen ein. - Die schwersten Momente für meine Frau, da ich wirklich niemanden rangelassen habe und sie wohl oft das Gefühl bekam, ich hätte den Mut aufgegeben. - Ich sehe es heute so, daß es eher not-wendig war, die Kräfte auf mich zu reduzieren und konzentrieren. - Fals Ihr je in solchen Situationen kommt, Anna, wünsche ich Dir hier alle Kraft und allen Mut der Welt!

Viel geholfen hat mir auch in der Anfangszeit, daß meine Frau einfach nur da war. Zu allen Terminen mitgerannt ist und sich genauso im Internet schlau gemacht hat wie ich. Daß sie da war, mich oft getröstet hat und wir auch mal zusammen am Boden sein konnten. Ja genau, Ehrlichkeit, daß sie zwar jetzt vielleicht mal eine Zeit die stärkere Schulter ist, aber eben auch gezeigt hat, daß sie eben Angst um mich hatte und genauso unsicher war, wie es weiterginge. *Mir* würde also in Deiner Situation helfen, wenn Du nicht *immer* ins Bad rennen würdest, sondern das auch mal mir offen zeigtest. (Leicht gesagt, oder?)

Zudem war es für meine Frau und mich immens wichtig, diesen Druck auch auf andere Schultern umschichten zu können. Irgendwann schwappte die Waagschale dann nämlich um und ich kam in die Situation, mir einzubilden, ich müßte sie jetzt *immer* trösten. Und das war eben nicht drin, so daß uns sehr bewußt wurde, wie wichtig es war, daß sie Freunde und Bekannte hat, zu denen sie gehen kann, mit denen sie sprechen kann, ohne daß ich dabei war. Und bei denen sie vor allem auch mal all den Frust auf meine Zickigkeiten und Nörgeleien loswerden konnte.

Als Tip für (engl.) medizinische Infos - wenn Du die Ruhe hast - schau mal bei: http://tcrc.acor.org/tctwo.html. Die gehen auch auf Auswirkungen ein, wenn ein Mann keinen Hoden mehr hat (Hormonsubstitution etc.).

Alles Gute!

Mit freundlichem Gruß,
Marcus


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